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Als die ersten Töne des Klavierkonzerts erklingen, ist Dirigent Andreï Filipov (Aleksei Guskov) ganz in seinem Element. Während die Streicher sich zurücknehmen, entlockt der Pianist dem Flügel mit sanftem Anschlag eine Melodie - bis plötzlich das Handy klingelt. Alle sehen entrüstet zu Filipov, der hektisch versucht, den Anruf anzunehmen. Nur handelt es sich bei ihm gar nicht um den Dirigenten – wie die ersten Bilder glauben machen wollten – sondern um die Putzkraft des Bolchoi - Theaters, die bei der Probe des Orchesters verbotenerweise zugesehen hatte.

Diese erste kurze Szene ist signifikant für einen Film, der ständig zwischen Anspruch, dramatischen Wendungen und possenartiger Komödie hin und her springt und damit die Tradition des Regisseurs Radu Mihaileanu fortführt, der schon in „Zug des Lebens“ bewiesen hatte, dass er tragische Ereignisse mit komödiantischen Elementen gekonnt verbinden kann. Mit der Judenverfolgung während der Zeit des Nationalsozialismus, sind die historischen Ereignisse in „Das Konzert“ zwar nicht zu vergleichen, aber das Schicksal des früheren Dirigenten Filipov und seiner Orchester - Musiker erinnert an die die kommunistische Vergangenheit Russlands und die damit verbundenen Repressionen. Da einige der Musiker des Orchesters Juden waren, sollten sie Anfang der 80er Jahre ausgeschlossen werden, wogegen sich Filipov wehrte. Gegen die ausdrückliche Anweisung des Politbüros, gab er ein Konzert mit seinen Musikern, dass vom zuständigen Leiter auf Befehl Breschnews während der Aufführung unterbrochen wurde, um Filipow noch zusätzlich zu demütigen. Dieser verfiel daraufhin dem Alkohol und durfte nur noch als Putzkraft am Bolchoi arbeiten. Auch den Orchestermusikern half diese Aktion nichts, denn sie wurden alle entlassen.

So ernst dieser Hintergrund klingt, so witzig setzt ihn Regisseur und Autor Mihaileanu in Szene. Das gelingt dadurch, dass er die Vergangenheit in Rückblicken erzählt, während er die Handlung der Gegenwart dynamisch vorantreibt. Kaum wurde Filipow vom arroganten Leiter des Bolchoi zum Putzen seines Schreibtischs verdonnert, kommt in dessen Büro ein Fax an, dass das Bolchoi -Orchester nach Paris zu einem Konzert einlädt. Kurz entschlossen nimmt er das Fax an sich, löscht den Eingang im Computer und vertraut seinem besten Freund und ehemaligen Cellisten des Orchesters „Sascha“ Grossman (Dmitri Nazarov) seinen Plan an. Er will die damaligen Musiker wieder vereinen und mit ihnen das Konzert in Paris bestreiten.

Was nun beginnt, erinnert mehr an die „Blues Brothers“, als diese „die Band wieder zusammen bringen wollen“, als an ein realistisches Drama. Die Musiker haben die unterschiedlichsten Jobs, bis hin zur Vertonung von Pornofilmen, sind teilweise auch schon recht wunderlich, aber als Filipov und Sascha ihnen ihren Vorschlag unterbreiten, sind sie (bis auf eine exemplarische Ausnahme) sofort dabei. Das sie ihr Instrument noch spielen können, steht nicht in Zweifel, obwohl manche von ihnen ihres schon vor Jahren versetzen mussten. Um das Ganze noch auf die Spitze zu treiben, verpflichten Filipov und Grossman ausgerechnet den Alt-Kommunisten Ivan Gavrilov (Valeriy Barinov) als Manager, weil dieser Erfahrung damit hat und französisch spricht. Er war es, der damals das Konzert unterbrochen hatte, aber nach vielen Jahren des vergeblichen Versuches, den Kommunismus in Russland wieder populär werden zu lassen, lockt auch ihn der Gedanke an Paris. Allerdings nicht ohne Hintergedanken.

Diese Szenen erzählt der Film in bester komödiantischer Manier, die auch nicht vor beliebten Klischees halt machen, gerade in der Konfrontation von Tradition und Moderne. Besonders zeigt sich das, als Filipov, auf Bitten seiner Frau (Anna Kamenkova), die mit dem Organisieren von Komparsen ihr Geld verdient, mit seinen Verbündeten als Gast bei der Hochzeit eines russischen Geschäftsmanns auftaucht. Dieser will sich damit profilieren, dass er doppelt so viele Gäste hat wie ein Kontrahent. Zudem hatte er vorher sehr schlecht auf einem Cello gespielt, was ihm natürlich Niemand der Anwesenden vermittelt hatte, die im Gegenteil höflich Applaus spendeten. Als plötzlich der Kontrahent mit Leibwache auf dem Fest auftaucht, spielt auch die sehr junge Braut keine Rolle mehr, da die Herren sich in einer Art Hahnenkampf begegnen, der in einer wilden Schiesserei endet.
Ob jemand dabei verletzt wird, wird nicht gezeigt, aber Filipov gelingt es innerhalb des Kugelhagels, dem Geschäftsmann den Vorschlag zu machen, in seinem Orchester als Cellist mitzuspielen. Geschmeichelt willigt dieser ein, womit das Problem gelöst ist, den Flug nach Paris für die vielen Musiker zu finanzieren.

Dieses Beispiel basiert auf wildesten Klischees über die heutige russische Gesellschaft, aber diese benötigt der Film einfach, um mit seiner Handlung nach Paris zu kommen. Der gesamte Gedanke, ein Orchester nach 30 Jahren - ohne vorher zu üben - wieder in höchste künstlerische Gefilde zu führen, ist genauso absurd, wie mehr als sechzig Menschen erfolgreich nach Paris zu transportieren, ohne das irgendein Verantwortlicher in Russland davon etwas mitbekommt. Der Film funktioniert deshalb, weil Radu Mihaileanu in Paris wieder den Dreh Richtung Drama bekommt, für das vor allem die junge Geigerin Anne-Marie Jacqaet (Mélanie Jaubert) zuständig ist. Diese soll als Solo-Violinistin den Part in Tschaikowskys Violinkonzert übernehmen und sagt zu, als sie hört, dass der früher sehr renommierte Dirigent Filipov die Leitung übernimmt.

Ihr Verhalten, vor allem im Zusammenspiel mit Filipov, ist jederzeit nachvollziehbar und emotional stimmig, und führt wieder zu den Abgründen, die die Situation zu Beginn erzeugte. Zunehmend vermischt der Film Komödie und Drama und führt direkt zu einem furiosen Ende, dass in der Aufführung von Tschaikowskys Violinkonzert kulminiert und die vielen offenen Fragen erst beantwortet. Es ist schwer, sich dieser Suggestionskraft zu entziehen, die aus der Mischung von genialer Musik mit dem Spiel der beiden Protagonisten entsteht. Vor allem Mélanie Jaubert kann wieder (wie schon zuvor in „Inglourios Basterds“) mit großer Präsenz überzeugen. Der Film endet mit einem emotional mitreißenden Moment, der jeden vorherigen Gedanken an Logik oder Klischeehaftigkeit kleinlich erscheinen lässt (8,5/10).

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