Review

Ambitioniertes Drama mit leichten Parallelen zu „Verhandlungssache“ und „Desperate Measures“, welches sich kritisch mit dem US-Gesundheitssystem auseinandersetzt.
Fabrikarbeiter John Quincy Archibald (Denzel Washington) ist ein nicht untypischer Vertreter der US-Arbeiterklasse: Reich ist er nicht, Geldsorgen hat er gelegentlich schon mal, doch es reicht für ihn, seine Frau und seinen Sohn ein relativ glückliches Leben zu führen. Gelegentlich wird „John Q“ bei der Schilderung der Familienverhältnisse zwar etwas kitschig, aber zum Glück übertreibt Regisseur Nick Cassavetes es nicht allzu sehr.
Doch dann bricht Johns Sohn beim Baseball zusammen. Im Krankenhaus diagnostiziert man einen Herzfehler, den nur eine Transplantation beheben kann. Doch die kostet viel Geld und wird von Johns Krankenversicherung nicht abgedeckt. Von da an entsteht ein Teufelskreis: John und seine Frau verkaufen ihr Hab und Gut, sammeln Geld und versuchen rechtliche Schreite einzuleiten, doch jeder Tag im Krankenhaus kostet wieder Geld. Dabei versucht sich die Krankenversicherung zu drücken, Klinikchefin Rebecca Payne (Anne Heche) guckt nur auf Geld und Formulare.

Als man Johns Sohn dann entlassen will, was dessen Tod bedeuten würde, stürmt John mit einer Pistole die Notaufnahme, nimmt Dr. Raymond Turner (James Woods), den Arzt seines Sohnes, und die Anwesenden als Geiseln. Er verschanzt sich dort und fordert ein neues Herz für seinen Sohn...
Die nun folgende Geiselnahme ist zwar nicht so spannend wie in anderen Filmen des Genres, doch bietet die eine oder andere Überraschung. Zwar bietet das übliche Geplänkel aus Forderungen stellen, Verhandlungen mit der Polizei und der Einsatz von Scharfschützen auf Behördenseite wenig Neues, doch über größere Längen kann man sich nicht beklagen. Wie üblich gibt es auf der Seite der Polizei den Besonnen, hier Einsatzleiter Frank Grimes (Robert Duvall in einer Rolle, die sehr an seinen „Falling Down“-Part erinnert), und den Hitzkopf, hier Polizeipräsident Gus Monroe (Ray Liotta) – doch wer die Oberhand behält ist trotzdem eine wichtige Frage.
Nebenher wird noch viel über das Gesundheitssystem reflektiert, meist in Dialogen, die innerhalb der Notaufnahme oder bei den Besprechungen der Behörden geführt werden. Die Ungerechtigkeit, dass die Reichen mit Wohlwollen behandelt werden, und weniger Wohlhabende weniger Chancen auf Überleben haben, werden diskutiert, aber auch die Kehrseite der Medaille: Ist Johns Verhalten zu rechtfertigen? Soll man ihn nachgeben oder würde dies eine Welle von Nachahmungstaten nach sich ziehen? Hätten vernünftige Vorsorgeuntersuchungen der Krankenkasse das Drama verhindert? Auf diese Weise bleibt „John Q“ nicht zu einseitig, was sich auch auf der Figurenebene wiederspiegelt: Erscheinen Rebecca und Raymond anfangs noch wie Klischeefiguren, die nur auf Geld aus sind, so werden beiden auch positive Seiten abgewonnen und sie nicht zu Fieslingen abgestempelt.

Das letzte Drittel von „John Q“ wird zudem dadurch recht spannend, da es hier viele Fragen zu klären gilt: Wird John durchkommen? Wie weit wird er gehen, eventuell selbst sein Leben für seinen Sohn opfern? Nimmt er eventuelle Strafen für die Geiselnahme ihn Kauf? *SPOILER* Leider wird „John Q“ dann zum Schluss etwas zu zuckersüß: Die Frage, ob John sich opfert, ist noch spannend, doch es fehlt der Mut zu einem krassen Schluss. Zwar lässt Cassavetes seinen Protagonisten nicht straffrei davonkommen, aber die Ministrafe in Verbindung mit dem geretteten Sohnemann zeugt von dem Willen, bloß niemanden wirklich verstört nach Hause zu schicken. *SPOILER ENDE*
Denzel Washington spielt den verzweifelten Vater recht überzeugend, aber so beeindruckend wie in „Training Day“ ist er leider nicht, während James Woods glaubwürdig seine Rolle spielt, bei der sich positive und negative Seiten gut die Waage halten. Robert Duvall und Ray Liotta sind etwas unterbeschäftigt, leiste jedoch gute Arbeit und auch die sonstige Riege bietet keinen Anlass zur Klage.

Unterm Strich ist „John Q“ trotz einigen Kitsches und einer gewissen Mutlosigkeit ein recht spannendes und ambitioniertes Drama, das sich kritisch mit dem US-Gesundheitssystem auseinandersetzt.

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