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Schon die Anfangsszenen entfalten von der ersten Einstellung an eine hypnotische Wirkung, die ihresgleichen sucht. Zu den Klängen eines Jitterbug sehen wir tanzende Menschen, die sich überlagern, vervielfachen, hin und wieder in ihren Silhouetten verschwinden. Ein ausgelassenes Bild, aber gleichzeitig kunstvoll und geheimnisvoll. Als der Jitterbug ausklingt und durch jubelnden Applaus ersetzt wird, überlagert eine extrem überbelichtete Naomi Watts freudestrahlend die Szenerie, während die Tonspur allmählich Platz macht für die minimalistischen Klänge Angelo Badalamentis. Ebenso verdunkelt sich nun das Bild, wechselt zu einer verwackelten Kamerafahrt über ein Bett, schweres, keuchendes Atmen ist zu hören. Als die Kamera im Kopfkissen versinkt, beginnt einer der schönsten Vorspänne, die ich je gesehen habe: Das großartige, wunderschöne und doch düstere Titelthema des Films erklingt, die Kamera fährt am nur flackernd beleuchteten Straßenschild des Mulholland Drive vorbei und heftet sich an die Fersen einer schwarzen Limousine, die elegant eben jenen Straßenzug über Hollywood entlang fährt.
Vor der Kulisse dieser Traumstadt entfaltet sich nun eine Geschichte um zwei Frauen, deren Schicksale sich zufällig kreuzen: Betty Elms, die in Hollywood ein großer Star werden will, und „Rita“, die nach einem missglückten Attentatsversuch an Gedächtnisverlust leidet. Gemeinsam wollen sie das Geheimnis um ihre Identität lüften und verlieben sich dabei ineinander.
„Mulholland Drive“ war ursprünglich als Pilotfilm einer Serie gedacht, die Lynch letztlich doch nicht finanziert bekam. Dementsprechend werden ständig skurrile Nebenfiguren eingeführt, wie etwa der tollpatschige Killer, der verängstigte Mann bei Winkie’s, die beiden Mafiosi, von denen einer immer in Rage gerät, wenn ihm sein Espresso nicht schmeckt (was eigentlich jedes mal ist) oder nicht zuletzt der undurchsichtige Cowboy. Lynch löst diese Problematik der unvollendeten Handlungsstränge, indem er einen der banalsten und abgedroschensten Plottwists überhaupt anwendet, er lässt seine Protagonistin aus ihrem Traum erwachen. Trotzdem banalisiert diese banale Wendung den Film nicht, denn mit Bettys, oder vielmehr Dianes Erwachen schlägt der Film erst seine wahre alptraumhafte Richtung ein.
Jetzt erfahren wir nämlich in ständigen Flashbacks und Zeitsprüngen, dass Diane in Hollywood hoffnungslos gescheitert ist, und auf ihre Freundin Camilla, wie Rita eigentlich heißt, aus Eifersucht einen Auftragsmörder angesetzt hat. Da die zeitlichen Grenzen allerdings gänzlich verschwimmen, ist es gar nicht so einfach, diesem Geschehen zu folgen. Rückwirkend betrachtet ist die erste Hälfte allerdings eine Projektion aller Wünsche und Sehnsüchte Dianes sowohl vor als auch nach Camillas Tod: die steile Karriere in Hollywood, der missglückte Mordversuch, das Versagen des Regisseurs, mit dem Camilla eine Affäre hatte, außerdem das permanente Einbinden von kleinen Eindrücken wie Winkie’s oder die Gäste auf der Dinner Party. Dieser Kernpunkt, das Überlagern verschiedener Realitätsebenen ist bereits in der Jitterbugszene zu erahnen.
Doch das Erwachen, das Realisieren, dass sie ihrer Misere nicht entkommen kann, lässt ihr als einzigen Ausweg den finalen Selbstmord. Vielleicht ist es auch das, was Betty und Rita im Silencio zum Weinen bringt, das allmähliche Realisieren der Tatsache, dass der Traum ausgeträumt ist. Zumindest wird diese Vermutung noch unterstützt durch die sich mehrfach wiederholende Kamerafahrt unter der Palmenallee hindurch, die in den Wiederholungen immer verwackelter und karger wird, als sei der Traum im Begriff, sich in einen Alptraum zu wandeln und letztendlich zu sterben.
Es ist eine tragische, berührende, abgründige und teils verstörende Geschichte, die Lynch erzählt, doch sie gänzlich zu entschlüsseln, wird wohl immer unmöglich bleiben, denn dafür gibt es zu viele rätselhafte Elemente, wie etwa den Mann hinter Winkie’s mit seiner Papiertüte, Irene und ihren Begleiter sowie die blaue Schachtel. Rationalisieren lassen sich diese Elemente nicht, höchstens Vermutungen hinsichtlich ihrer Funktion kann man anstellen, doch ist es gerade dieses Rätselhafte, das Undurchschaubare, das diesem Film, wie überhaupt fast jedem Werk von Lynch, seine endgültige Faszination verleiht. Auch wenn man den Film nicht mal im Ansatz verstünde, ziehen einen doch die großartigen Bilder voller hintergründiger Abgründe und geheimnisvoller Schönheit völlig in ihren Bann. Gerade das Kernstück, die Szene im Silencio, die den Übergang zwischen Traum und Wirklichkeit darstellt, ist von solch einer emotionalen Wucht, dass sie einen unmöglich kalt lassen kann, genauso wenig wie das bizarre Ende als Diane sich mit zwei Traumgestalten konfrontiert sieht, die sie so stark bedrängen, dass sie schließlich zur Waffe greift um den Film zu seinem tragischen Ende zu bringen, woraufhin wir ein letztes Mal ein Bild von Diane und Camilla aus glücklichen Tagen zu sehen bekommen. Trotz der bedrückenden Stimmung, die sich längst ausgebreitet hat, letztendlich sehr ergreifend.
Natürlich dürfen auch die großartigen schauspielerischen Leistungen nicht unerwähnt bleiben. Die zahlreichen Nebenfiguren sorgen dabei sogar für ziemlich zynischen Humor, gerade die Szene, in der der Regisseur (Justin Theroux: irgendwo zwischen Witzfigur, Sympathieträger und arrogantem Schnösel) keine Entscheidungsgewalt über die Wahl seiner Hauptdarstellerin hat, sondern diese von der Mafia vorgesetzt bekommt, ist wohl ein satirischer Seitenhieb auf die Traumfabrik. Laura Elena Harring als Rita/Camilla scheint zwar über die gesamte Länge ihren Schlafzimmerblick nicht loszuwerden, doch passt dies zur generellen Verwirrt- und Unentschlossenheit ihrer Rolle. Wirklich atemberaubend allerdings ist Naomi Watts als Betty/Diane, die in ihrer Rolle ständig zwischen Naivität, Abenteuerlust, Resignation und totaler Verzweiflung zu schwanken hat, und dabei über die gesamten zweieinhalb Stunden, über die sich der Film erstreckt, so eindringlich spielt, dass man als Zuschauer nur staunen kann.
Bei so einem grandios aufspielenden Ensemble, solch einem herausfordernden Skript, der zu Recht in Cannes ausgezeichneten Regie, den wundervollen Aufnahmen von Kameramann Peter Deming, die jede Szene zu einem unabhängigen Kunstwerk macht, und dem hypnotischen Soundtrack von Badalamenti gibt es nur eine einzige Maßnahme: die Höchstnote. „Mulholland Drive“ ist ein beeindruckendes, ästhetisches, verstörendes, erotisches, faszinierendes, wunderschönes, doppelbödiges Meisterwerk voller Rätsel und Abgründe. Ein echter Lynch eben.

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