Death and the Maiden (1994)
Nach einem Stück des in Argentinen geborenen und in Chile und den USA lebenden Ariel Dorfman, der Pinochets Militärputsch 1973 direkt miterlebt hatte, inszenierte Roman Polanski Mitte der 90er Jahre seinen mit Sigourney Weaver, Stuart Wilson und Ben Kingsley besetzten Thriller "Death and the Maiden", der eine individuelle Aufarbeitung des Leides unter einer lateinamerikanischen Militärdiktatur zum Thema hat und ein vielschichtes Psychogramm von Täter und Opfer bietet: in dem am 23. Dezember 1994 erstmals aufgeführten Film trifft Weaver als eine vor mehreren Jahre in der Militärjunta gefolterte und vergewaltigte Oppositionelle Paulina Escobar auf ihren früheren Peiniger, den Arzt Dr. Miranda (Kingsley), der freundlicherweise ihren Ehemann nach einer Panne heimgefahren hat. Die Misshandelte sinnt auf Rache, will Miranda mit Gewalt ein Geständnis abverlangen, derweil ihr Mann, der als Rechtsanwalt die Verbrechen der Junta aufarbeitet, etwas ratlos einzuschreiten versucht und um Deeskalation bemüht ist. Vor allem dank Dorfmans Stück vermeidet Polanski sämtliche Klischees, die solch ein Stoff mit sich bringen könnte, und liefert immer wieder irritierende Momente: So gewährt Escobar etwa nach einem Geständnis Gnade, gleichwohl in diesem Geständnis das Nicht-Vorhandensein von Reue explizit angesprochen worden ist. Es scheint, als habe das ehrliche Eingeständnis des Täters vor sich selbst, vor dem Opfer und einem Zeugen, der quasi für die Gerechtigkeit und die Justiz und die Kluft dazwischen gleichermaßen einsteht, in Verbindung mit dem umgekehrten früheren Machtverhältnis eine Wiederherstellung des Gleichgewichts geliefert, die alles befriedet. Nicht Aussöhnung steht am Ende, sondern eine bloße Toleranz. Zuvor werden alte Fragen zu Themen wie Rache vs. Gerechtigkeit, Gerechtigkeit vs. Justiz, Selbst- und Außenwahrnehmungen usw. aufgeworfen und differenziert beleuchtet, ohne dass am Ende eine allgemeingültige Antwort stehen würde. Und immer wieder sorgen kleine Nuancen und Details für spannende Wendungen oder Irritationen, wobei nicht bloß die hochklassigen Darsteller, sondern auch Tonino Delli Collis Kamera sowie vor allem die Musik von Polanskis Landsmann Wojciech Kilar das sensible Thriller-Drama zu großen Teilen tragen.
Bei StudioCanal/Arthaus liegt der Film günstig auf BluRay vor: Fassungseintrag von Unicorn
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