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von PierrotLeFou

Vor 50 Jahren: Die BPP und der Fall Huey P. Newton – 1968-Retrospektive XIV, Black Power II

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Black Panthers (1968) & Huey! (1968)

Die Bürgerrechtsbewegung, die sich vor allem in den 60er Jahren gegen den grassierenden Rassismus stemmte, hatte drei populäre Gesichter des schwarzen Widerstands hervorgebracht: Medgar Evers, der am 12. Juni 1963 hinterrücks erschossen worden war, Malcolm X, am 21. Februar 1965 auf offener Bühne von Thomas Hagan erschossen, und Martin Luther King, den man am 4. April 1968 erschossen hatte. Als Reaktion auf Malcolm X' Erschießung durch Nation-of-Islam-Mitglied Hagan kommt es zu größeren Unruhen unter der farbigen Bevölkerung mit mehreren Todesfällen – und im Oktober 1966 wird schließlich die stark von Malcolm X beeinflusste Black Panther Party for Self-Defense von Huey P. Newton und Bobby Seale gegründet. Bald gesellen sich Sherwin Forte, Reggie Forte, Elbert Howard, Bobby Hutton, Eldridge Cleaver, Kathleen Cleaver, David Hilliard, Richard Aoki, Angela Davis u.v.a. zur Black Panther Party.
Ihre Haltung ist geprägt vom alltäglichen Rassismus, insbesondere vom Ku Klux Klan. Auch weiße Bürgerrechtler der SDS sahen sich in den Südstaaten angesichts extremer Drohungen bisweilen zum Rückzug gezwungen: Alan Parkers "Mississippi Burning" (1988) veranschaulicht trotz kleinerer Schwächen die Situation der Farbigen und der Bürgerrechtler in Mississippi recht gut. Die erste große Aktion der BPP verlieh dann auch dem Wunsch nach Self-Defense Ausdruck: Sie patrouillieren bewaffnet durch die Straßen und überwachen die Aktionen der Polizei, um die Wahrung der Bürgerrechte der Farbigen zu garantieren... Für sie die zwangsläufige Folge erlebter Polizeigewalt und eines Establishments, das lange genug Rassismen - wie etwa die Rassentrennung - ausgelebt hat. Für die Polizei und eine nicht unbedingt kleine Zahl der Weißen hingegen eine Provokation.
Viele BPP-Mitglieder waren studiert und belesen - Angela Davis wurde als Studentin sogar von Herbert Marcuse und Oskar Negt betreut. Dass Davis der Kommunistischen Partei angehörte, schädigte ihren Ruf schon früh. Die Ablehnung der BBP ergab sich aber aus vielerlei Gründen: Die Lektüren von Marx, Lenin, Mao oder Che Guevara, der Kampf gegen das Establishment, aber auch die (klein-)kriminelle Vergangenheit einiger Mitglieder und die provokative Abwertungen von Polizisten mit dem Wörtchen "Pigs" sorgte für ein Gesamtbild, das nicht ausschließlich Rassisten suspekt war. Im Rückblick haben sich noch extrem homophobe Tendenzen hinzugesellt. (Dass man bald damit begann, sich gegen den Vietnam-Krieg auszusprechen und in den Nord-Vietnamesen Brüder und im US-amerikanischen Establishment den wahren Feind zu sehen, sorgte allerdings im Klima der Vietnamkriegs-Proteste für einen Aufwind.)
Und so wurde die Gruppe, die sich im Namen und im Symbol des schwarzen Panthers bloß für ihre Selbstverteidigung einsetzte, von Hoover und dem FBI schnell als "black nationalist hate group" und “the greatest threat to the internal security of the country” eingestuft - und avancierte zur weiteren Zielscheibe des COINTELPRO, welches die ganzen 60er Jahre hindurch wohlkalkuliert und illegal mit Psychoterror, Gewalt und unrechtmäßigen Strafverfolgungen gegen missliebige Aktivisten vorgegangen ist. (Zugleich griff auch die BPP zu immer drastischeren Mitteln: 1968 flog erst einmal das "for Self-Defence" aus dem Titel. Später wurde dann z.B. ein Alex Rackley, Mitglied der BPP unter Polizeispitzel-Verdacht, 1969 von anderen Black Panthers einem tagelangen Folterverhör - u. a. mit kochendem Wasser - unterzogen und schließlich ermordet.)
1967 gerät dann Huey P. Newton in eine Polizeikontrolle. Was auch immer geschehen ist: Ein Polizist ist tot, ein weiterer - wie Newton - schwer verletzt. Gefunden werden konnten nur Waffen der Polizei, aus denen auch alle Kugeln stammten. Es folgt ein Gerichtsverfahren - im September 1968 wird Newton als schuldig verurteilt, kommt 1970 aber infolge einer Wiederaufnahme des Verfahrens frei.
Das Verfahren löste seinerzeit eine langwierige "Free Huey"-Kampagne aus, die ab der Huey-Rally seit dem späten Februar 1968 vielleicht ihren Höhepunkt erreichte. Vor dem Gerichtsbäude organisierte die BPP regelmäßige Demonstrationen, bei denen man sich als eine Art paramilitärische Organisation präsentierte und ein neues Selbstverständnis der Farbigen förderte - zugleich aber auch recht traditionelle Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit. Zumindest gerät die "Free Huey"-Kampagne zu einer Massenbewegung - nicht bloß für farbige Newton-Sympathisanten.

Zu den Beobachter(inne)n der Kampagne gehört auch Agnès Varda, die 1967 für einige Zeit nach Kalifornien ging und dort unter anderem "Black Panthers" (1968) dreht. "Black is Honest and Beautiful" - so wird ihr Film mit einem vorgefundenen Schriftzug an einer Wand eingeleitet. Es folgen Bilder der Kampagne im August: Tanzende, singende Farbige, teils ausgestattet mit Afro-Accessoires. Vielleicht ist Vardas Blick auf das Fremde etwas exotisch ausgefallen. Aber sie versucht sich ausdauernd im Einfühlen: Die Redner kommen zu Wort, Varda rekapituliert die Umstände von Newtons Verhaftung, schließlich äußert sich auch Huey selbst in Interviewsequenzen aus dem Gefängnis. Insbesondere das Sympathisieren der BPP mit den Kolonialisierten kehrt Varda heraus - und das damals noch relevante Anliegen der Selbstverteidigung: Dass der als Symbol gewählte schwarze Panther nur zur Selbstverteidigung attackiere, behauptet der Film zu Beginn mit einigem Nachdruck. Dennoch wird auch die Notwendigkeit der Radikalisierung angesprochen, derweil das Bild des "schwarzen Faschisten" als Eindruck "weißer Rassisten" zurückgewiesen wird: Die BPP, erklärt einer der Redner, sei weder so gewalttätig, noch so faschistoid wie die Polizei. Es kommt aber auch ein weißer Passant zur Sprache, der seinen Eindruck äußert, dass er nur darum gehe, Newton aus dem Gefängnis zu holen - unabhängig davon, ob er eigentlich schuldig oder unschuldig wäre. Ob das eine rationale oder eine rassistische Sichtweise ist, lässt Varda offen. Das Publikum darf aber noch den 8. Punkt der BPP im Ohr haben: Die Freilassung aller farbigen Gefängnisinsassen, da diesen niemals ein faires Verfahren gemacht worden sei. Der Reihe nach wurde zuvor von einem Black Panther der bekannte 10-Punkte-Plan der BPP vorgetragen - wobei Varda immer wieder erläuternde Sequenzen in diesen Vortrag einfügt. Selbst die Mode und die Selbststilisierung greift Varda auf - ebenso das Auftreten von Frauen wie Kathleen Cleaver in der BPP sowie Cleavers Äußerungen über die Rolle der BPP-Frauen... die traditionellen Rollenbilder bringt der Film der so häufig feministisch eingestellten Filmemacherin jedoch nicht explizit zum Ausdruck.

Oft verwechselt wurde und wird Vardas "Black Panthers" mit Sally Pughs "Huey!" (1968). Die IMDb gibt wie viele ältere Publikationen – "Huey" als US-amerikanischen Alternativtitel an und verschmilzt beide – etwa halbstündige – Filme zu einem Eintrag. Delphine Letort geht hingegen in einem insgesmt durchaus lesenswerten Aufsatz davon aus, dass Varda zwei Filme über die BPP gedreht habe: "Huey!" und "Black Panthers". Das erscheint unwahrscheinlich, denn "Huey!" ist – anders als "Black Panthers" – von der BBP selbst produziert worden. Anders als "Black Panthers" ist "Huey!" darüber hinaus auch ein englischsprachiger Film. Weshalb hätte Varda zudem auf das Pseudonym "Sally Pugh" zurückgreifen sollen? Und schließlich ähnelt der s/w-Film Vardas Filmarbeit nicht sonderlich. Dann gibt es noch eine dritte Verwechslung, die davon ausgeht, dass Varda 1968 zwei Filme – "Black Panthers" und "Huey!" – gedreht habe... und dass eine Sally Pugh 1968 ebenfalls einen BPP-Film namens "Huey!" gedreht habe.
Die wahrscheinlichste Lesart – nach der Varda und Pugh jeweils einen eigenständigen BPP-Film gedreht hätten – scheint zugleich die unpopulärste zu sein, gleichwohl die Fakten dafür sprechen. Im Gegensatz zu Vardas Film aus dem Hochsommer 1968 widmet sich "Huey!" der "Free Huey"-Rally vom 17. Februar 1968, beginnt allerdings mit der Zusammenfassung der Todesumstände des 17jährigen BPP-Mitglieds Bobby Hutton durch eine Sprecherin der BPP, derweil Aufnahmen von Huttons Beerdigung laufen. Der Großteil widmet sich dann aber der Februar-Rally mit zahlreichen Reden: von BPP-Mitgliedern, aber auch von Huey P. Newtons Mutter, deren Auftritt doch recht kurz und oberflächlich ausfällt. Fast 5/6 des Films werden von Reden getragen, derweil es keinerlei Kommentarspur mehr gibt. Entsprechend didaktisch fällt der Film aus, der anders als Vardas "Black Panther" die Innenperspektive einnimmt. (Und auch hier wird der 10-Punkte-Plan verkündet.) Bloß einmal wird dokumentarisches Archivmaterial zwischengeschnitten, dass die Ausstattung der Polizei wiedergibt und über die Begeisterung einer weißen Mehrheit für Schusswaffen porträtiert. "Huey!" ist dennoch der trockenere und auch parteiischere, propagandistischere Titel - aber durchaus einen Blick wert. Derweil "Huey!" bloß im Internet recht gut zugänglich ist, liegt "Black Panthers" bei Criterion als Eclipse Series #43: Agnès Varda in California auf DVD vor.


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