„Back to the Future" - Bond zwischen Klassik und Moderne
„For your eyes only". Schon der Titel gibt die Richtung vor. Privater, persönlicher, intimer sollte es zugehen im Bond-Universum, hatten doch die letzten beiden Gegner des britischen Gentleman-Spions nichts weniger als die völlige Vernichtung ihres Heimatplaneten geplant, nur um dann eine neue Zivilisation auf dem Meeresgrund („Der Spion, der mich liebte", 1977) sowie im Weltall („Moonraker", 1979) zu gründen. Der Bogen in Richtung Phantasmen, Fantasy-Gefilde, aber auch diverser Albernheiten und Slapstick-Humor schien damit endgültig überspannt, das anfangs vornehmlich auf Spannung und Härte setzende Agentenszenario nur noch schemenhaft erkennbar.
Produzent Cubby Broccoli - immer schon mit einem untrüglichen Gespür für sinnige Kurswechsel bzw. -korrekturen ausgestattet - hatte erkannt, dass Bond auf dem besten Weg in Richtung Comicfigur war und die Plots immer mehr in Fantasy- und Science Fiction-Gefilde abdrifteten. Also verordnete er seiner Franchise ein umfassendes Abspeckprogramm. Zuvorderst gab er die Order nach mehr Realismus und halbwegs geerdeten Spionageszenarien aus und Drehbuchveteran Richard Maibaum sowie Novize (und Broccolis Stiefsohn) Michael G. Wilson lieferten wie gewünscht.
„In tödlicher Mission" - so der etwas nichts sagende deutsche Bond-Allerweltstitel - ist der, sowohl hinsichtlich des Plots wie auch der auftretenden Figuren, der realen Welt noch am ehesten verhaftete Bondfilm seit „Liebesgrüße aus Moskau" (1963). Kein spleeniger Super-Verbrecher mit Allmachts-Phantasien und SF-artigem Hightech-Hauptquartier. Kein halbstündiger Endkampf mit einer Hundertschaft seiner Schergen. Und kein Geheimagent, der zum Superhelden mutiert.
Bonds Widersacher ist der griechische Opiumschmuggler Kristatos (Julian Glover), der ganz nebenbei auch noch für die Sowjetunion spioniert. Als McGuffin für dieses im Kern klassische Agentenstück dient das britische Kernwaffen-Steuerungssystem ATAC (Automatic Targeting Attack Communicator). Es befindet sich an Bord des im Ionischen Meer torpedierten und gesunkenen britischen Spionageschiffs St.Georges. Der für den MI6 arbeitende Archäologe Timothy Havelock soll die Unglücksstelle ausfindig machen, wird aber vorher von einem bezahlten Killer ermordet. Bonds Auftrag ist es schlicht und einfach zu verhindern, dass das ATAC in die Hände des Systemfeindes fällt, schließlich würde das diesem mindestens zu einen veritablen Punktsieg im erbittert geführten Kalten Krieg verhelfen. Havelocks Tochter Melina (Carole Bouquet) kämpft ebenso an Bonds Seite, wie der griechische Unterweltboss Topol (Emilio Columbo als Pistazien-knackendes Schlitzohr), beide verfolgen aber ganz eigene Ziele ...
Bondfilm Nr. 12 war damit - wie schon so häufig - am Puls der Zeit, denn mit Amtsantritt des Republikaners Ronald Reagan (Januar 1981) wurde der schon leichte Entspannungstendenzen aufweisende Kalte Krieg wieder spürbar heißer. Auch wenn Strippenzieher General Gogol (Walter Gotell) - wie schon bei seinen Auftritten in den letzten beiden Bondabenteuern - als gewitzter „Anti-Hardliner" angelegt war, so hatte man mit dem ostdeutschen KGB-Agenten Erich Kriegler einen eiskalten und bedingungslos systemkonformen Killer auf die Erbeutung des ATAC und die Ausschaltung Bonds angesetzt. Vor allem in den Szenen im italienischen Nobel-Skiort Cortina d‘Ampezzo wird der Kampf zwischen den westlichen Geheimdiensten und dem KGB mit erbitterter Härte und gnadenloser Brutalität geführt.
Die vom ehemaligen bundesdeutschen Olympioniken Willy Bogner erneut spektakulär inszenierten Skiszenen erinnern nicht nur in ihrer halsbrecherischen Geschwindigkeit und enormen Rasanz an „Im Geheimdienst ihrer Majestät", sondern sind auch im Ton ähnlich düster und enorm spannend, da Bond hier spürbar mehrfach in unmittelbare Lebensgefahr gerät und nur durch eine Reihe selbstmörderischer Stunts im Spiel gehalten wird. Die Sequenz gehört auch heute noch fraglos zu den besten Actionszenen mindestens der Bondhistorie und toppt definitiv sämtliche Skiszenen. Geschickt wurden dabei auch olympische Disziplinen wie Biathlon und Skispringen von der Großschanze eingebaut, allesamt zweckentfremdet um Bond auszuschalten.
Absoluter Höhepunkt der auch dramaturgisch fantastisch arrangierten Skijagd ist dann Bonds Versuch, seinen Häschern in einer vereisten Bobbahn zu entkommen. Wie lebensgefährlich diese Szenen auch in Wirklichkeit waren, zeigten die schweren Verletzungen von Moore-Double John Evans und Kriegler-Double Pascal Bernard, der die Bahn auf einer Motorcross-Maschine hinunter jagte. Für Paolo Ricon, den Steuermann des Vierer-Bobs, endete die Schussfahrt noch weitaus fataler, als der Rennschlitten während der Proben aus der Bahn geschleudert wurde und gegen einen Baum krachte. Bis heute ist der tragische Tod von Ricon der einzige tödliche Unfall bei Bond-Dreharbeiten und unterstreicht auf traurige Weise die enorme Gefährlichkeit der Stuntarbeit an „For your eyes only".
In diesem Zusammenhang muss auch Rick Silvester erwähnt werden. Wie beim Klippensprung am Ende der Pre-Title-Sequenz von „The Spy who loved me" sorgt er auch hier für kurzzeitigen Atemstillstand und einen unvergesslichen Wow-Moment. Im Finale haben sich Kristatos und seine Handlanger auf einem griechischen Bergkloster verschanzt, dass nur über einen Förderkorb zu erreichen ist. Also wagt Bond (alias Silvester) den gefährlichen Steilwand-Aufstieg. Kurz vor der rettenden Kante taucht dann urplötzlich ein Wachposten auf und tritt Bond in den Abgrund. Völlig ungebremst saust er daraufhin im freien Fall gut 40 Meter in die Tiefe, bis das Sicherungsseil den Sturz abrupt und äußerst unsanft stoppt. Ein im wahrsten Wortsinn atemberaubender Stunt.
Bei solch todesmutiger State-of-the-Art-Stuntarbeit muten die übrigen Actioneinlagen fast schon gemütlich an. Dabei haben auch die so einiges zu bieten, nicht zuletzt aufgrund ihrer Vielfältigkeit. Neben den fast schon obligatorischen Schießereien und Faustkämpfen gibt es u.a. ein Unterwasserscharmützel mit zwei Mini-U-Booten, einen Luftangriff auf eine Motorjacht, die Erstürmung und Explosion eines Opium-Lagerhauses sowie eine perfekt getimte Serpentinen-Autoverfolgungsjagd zu bestaunen.
Als goldrichtig erwies sich dabei Broccolis Entscheidung, die Regie dem Novizen John Glen zu übertragen (immerhin sollten vier weitere Regie-Arbeiten folgen). Beim in mancherlei Hinsicht ähnlich angelegten „Im Geheimdienst ihrer Majestät" (Bogners Ski-Szenen, hoher Actionanteil und ernsthafter Grundton) hatte Glen als Cutter und Second-Unit-Director bereits Bondluft geschnuppert und das zahlte sich aus. Hier wie da sind es Rhythmus, Choreographie und Einfallsreichtum der Actionszenen, die den Film erinnerungswürdig machen und auch innerhalb der Serie Maßstäbe setzen.
Auffällig bei all diesen Actionszenen ist, dass Bond v.a. körperlich und improvisatorisch wieder wesentlich aktiver agiert und sich weitaus weniger auf Gadgets stützen kann wie in den direkten Vorgängern. Symbolisch dafür ist das erste Aufeinandertreffen zwischen Bond und Kristatos Schergen, bei dem Bonds mit allerlei Extras ausgestatteter Lotus Esprit vor Beginn der Verfolgungsjagd in die Luft fliegt. Geschickt wird dabei mit den Erwartungen der Zuschauer gespielt, die sich noch rege an das Lotus-Gadgetfeuerwerk aus „The Spy who loved me" erinnern. Stattdessen steigt Bond in die Ente von Melina um und tritt mit diesem Anti-Lotus gegen die gepanzerten und erheblich PS-stärkeren Limousinen des Gegners an.
Bei der Verfolgung von Kristatos Auftragskiller Emilio Locque hetzt Bond hunderte von Stufen hinauf, um den per Auto eine Serpentinenstraße hinauf rasenden Gegner den Weg abzuschneiden. zu guter letzt befördert er dann den unkontrollierbar gewordenen Mercedes per Fußtritt in den Abgrund. Kurz: Bond schwitzt, blutet, setzt auf pragmatische Handarbeit und muss so viel einstecken wie selten zuvor. In dieser Dichte und Intensität gab es das seit „Liebesgrüße aus Moskau" nicht mehr.
Trotz dieser deutlichen Abgrenzung zu den Vorgänger-Filmen und der bewussten Hinwendung zu mehr Agenten-Realismus ist „For your eyes only" dennoch ein typischer Moore-Bond und auch ein klar erkennbarer Beitrag zur Film-Reihe an sich. Mit der griechischen Mittelmeerküste, der Insel Korfu, den Meteora-Felsen, und dem italienischen Jet-Set-Skiparadies Cortina wartet auch Bond 12 mit gewohnt mondänen und extravaganten Schauplätzen auf. Bond kämpft auf Skiern, unter Wasser und an Steilwänden. Seine Fähigkeiten als Meister-Schütze sind ebenso gefragt wie die als Autofahrer. Mit der Französin Carole Bouquet (Melina) hat er nicht nur eine tatkräftige, sondern auch überaus attraktive Partnerin an seiner Seite, die es ohne weiteres mit ihren illustren Vorgängerinnen aufnehmen kann. Bonds Gegner streben zwar nicht die Weltherrschaft an, sind aber in ihren Methoden und Zielen so gewitzt wie skrupellos und bringen den Agenten ihrer Majestät mehrfach in existentielle Nöte. Zu guter letzt bleibt bei aller neu entdeckter Ernsthaftigkeit auch der Humor keineswegs gänzlich auf der Strecke, so dass Roger Moore auch diesmal seine Stärken als ironischer Sprücheklopfer und süffisanter Snob durchaus einbringen kann.
Roger Moore gibt in seinem fünften Auftritt als James Bond die reifste und ausgewogenste Darstellung bis dahin. Vollständig in der Rolle angekommen war er schon mit „The Spy who loved me", so dass es nur noch um en paar zusätzliche Prozent mehr Souveränität und Gelassenheit geht. Der ernstere Gesamttenor kommt ihm dabei entgegen, da diesmal auf allzu vordergründige Albernheiten zur Gänze verzichtet wurde und der Humor weniger exaltiert daher kommt. Bond scheint diesmal auch ernsthaft getroffen von den kaltblütigen Morden an seinen Informanten Luigi Ferrara (John Moreno) und Komtess Lisl von Schlaf (Cassandra Harris, Gattin des späteren Bond-Darstellers Pierce Brosnan) und übt gnadenlos Rache.
Die einzig komisch angelegte Rolle ist die von Kristatos Protégé Bibi (Lynn Holly-Johnson), einer jungen und ungestümen Kunsteisläuferin mit ausgeprägtem Faible für älter Männer. Bond entledigt sich aber auch dieses Angriffs mit der nonchalanten Abgeklärtheit des erfahrenen Womanizers. Die durchaus vorhandene Albernheitsfalle wird dabei gekonnt umschifft und dient ganz nebenbei gleichzeitig dazu, eine weitere Facette des gereiften Geheimagenten unter zu bringen.
Der veränderte Ton in „For your eyes only" ist zu guter letzt aber nicht nur hinsichtlich der Figurenzeichnung, narrativ und bei den Actionszenen erkennbar, sondern auch hörbar. Der Amerikaner Bill Conti (u.a. „Rocky") steuerte die treibende Filmmusik bei, die nicht nur auf klassische Orchestrierung setzte, sondern auch moderne Synthesizer und elektrische Gitarren verwendete sowie zeitgemäße Musikstile wie „Dance" und „Funk" integrierte. Das Ergebnis ist einer der abwechslungsreichsten und eigenständigsten Scores der Bondmusik-Historie, der auch neben den besten Arbeiten von Haus- und Hofkomponist John Barry bestehen kann.
Conti komponierte auch den von dem damaligen Popstar Sheena Easton gesungenen, wunderbaren Titelsong, der nicht nur weltweit Top Ten-Platzierungen erzielte, sondern zudem eine Oscar-Nominierung einheimste (wie auch Contis gesamter Soundtrack). Ein Novum war der Auftritt des Titelsong-Interpreten im von Maurice Binder inszenierten Titelvorspann und damit ein Vorgeschmack auf den durch MTV (Sendebeginn war der 1.8.1981) eingeläuteten Siegeszug des Pop-Videoclips.
Den globalen Siegeszug der Bondfilme konnte auch der zwölfte Ableger eindrucksvoll fortsetzen. Von der zeitgenössischen Kritik wurde „For your eyes only" weitestgehend wohlwollend aufgenommen. Oft wurde der Vergleich mit „Im Geheimdienst ihrer Majestät" bemüht, gar von „Remake" gesprochen. Vor allem letzteres wird dem Film aber nicht gerecht, der durchaus eine eigenständige und identifizierbare Prägung besitzt. Richard Maibaum und Michael G. Wilson formten aus den beiden Fleming-Kurzgeschichten „For your eyes only" und „Risico" einen Agentenplot am Puls der (Entstehungs-)Zeit und verhalfen Titelheld und Szenario zu einer dringend benötigten Frischzellenkur in Richtung Ernsthaftigkeit und Realismus.
Fazit:
Roger Moores fünfter Einsatz als britischer Gentleman-Superagent James Bond reißt das zuvor in Richtung Fantasy und Slapstick ausschlagende Ruder gekonnt herum und atmet wieder vermehrt den Spionagethriller-Geist der ersten beiden Abenteuer, ohne allerdings die in 11 Filmen etablierte Bondformel und die damit verbundenen Stärken bzw. Fan-Erwartungen gänzlich über Bord zu werfen. Schöne Frauen, mondäne Locations und fiese Gegenspieler gehören nach wie vor zu Bonds illustrem Agenten-Alltag. Die Handlung wirkt besser durchdacht und ist nicht wie zuletzt komplett vorhersehbar bzw. ein Vehikel für Schauwerte und Komik-Einlagen.
Bill Conti liefert einen geschickt austarierten Score zwischen Klassik und Moderne, Sheena Eastons Ohrwurm-Titelhit inklusive. Neu-Regisseur John Glen inszeniert souverän und bringt seine Erfahrungen als Cutter und Second-Unit-Director vor allem in den phantastischen Actionssequenzen gewinnbringend ein. Insbesondere die von Willy Bogner inszenierten Ski-Stunts gehören zum Spektakulärsten was das Action-Kino in seiner Gesamtheit zu bieten hat. Bond hatte die etwas verspielten und exaltierten 70er Jahre hinter sich gelassen. Für den Endspurt in Richtung Jahrhundertwende wirkte er fitter den je.
(9/10 Punkten)