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Es gibt viele Filme über die Zeit des Heranwachsens, der Entdeckung der eigenen Sexualität und der überbordenden Gefühle. Es ist eine Phase, die durch ihr unmittelbares Wechselspiel von Glück / Enttäuschung, Zärtlichkeit / Gewalt oder Hedonismus / Verantwortung große Gestaltungsmöglichkeiten für eine künstlerische Umsetzung bietet. Die Freiheit, die der Mensch zum ersten Mal in seinem Leben zu spüren vermag und die genauso schnell in Unfreiheit umschlagen kann, ist auch eine künstlerische Freiheit.

Entsprechend vielfältig wird und wurde das Thema in unterschiedlicher Form behandelt, vom Dokumentarfilm ("Prinzessinnenbad") bis zur abgedrehten Komödie ("American Pie"). Fast alle diese Filme haben den Ansatz gemeinsam, die Komplexität der Pubertätszeit mit Ausführlichkeit einzufangen - entweder durch das Zusammenspiel einer großen Anzahl von Personen, die jeweils einen Typ charakterisieren, oder durch die genaue Beobachtung eines Heranwachsenden, dessen Gefühlsleben in genauen Facetten dargestellt wird.

"Smáfuglar - Zwei Vögel" begnügt sich mit 15 Minuten, weshalb es überrascht, wie genau der Film den Charakter dieser menschlichen Entwicklungsphase erfasst und mit welcher Radikalität er deren Widersprüchlichkeit auf den Punkt bringt. Der Kurzfilm erzählt die Geschichte eines einzigen Abends und des Morgens danach, wie er überall auf der Welt ähnlich stattfinden könnte, weshalb der isländische Hintergrund nur eine nebensächliche Rolle spielt. Es ist die Geschichte eines Jungen und eines Mädchens, beide etwa 15 Jahre alt, die gemeinsam auf eine Party gehen. Neben den beiden Protagonisten gibt es einige Nebenfiguren, die als Personen im Hintergrund bleiben, in ihrer Funktion aber wichtig sind.

Da ist zum Einen der etwas älter aussehende Freund des Jungen, der schon eine Freundin hat, mit der er selbstbewusst herumknutscht. Seine Position übt Druck auf den Jungen aus, es ihm bei dem Mädchen, die seine Freundin begleitet, nachzumachen. Tatsächlich reagiert sie positiv auf ihn, aber er kommt mit dieser Situation nicht zurecht, und schafft es nicht, ihre Signale zu erwidern. Die Party, auf die sie kommen, erhöht den Druck noch, denn dort sind viele erwachsene Männer anwesend, die ohne Skrupel die Mädchen anbaggern und Drogen konsumieren. Auch sein Freund wirft gleich eine Pille ein und demonstriert damit Zugehörigkeit zu den Erwachsenen. Anstatt sich um das Mädchen zu kümmern, die zunehmend von den Männern bedrängt wird, nimmt auch der Junge Drogen und verfällt in einen komatischen Zustand.

Bis zu diesem Zeitpunkt zeigt der Film noch eine häufig beschriebene Situation. Einerseits die Unfähigkeit, eine sich bietende Chance zu ergreifen, andererseits den Versuch, dieses Versagen zu verdrängen, verbunden mit der Illusion, dazu zu gehören. Doch "Smáfuglar" wartet mit einer schockierenden Wendung auf, denn der auf dem Boden liegende Junge erwacht mitten in der Nacht für einen Moment aus seinem Drogenzustand, und sieht, wie ein Mann das Mädchen vergewaltigt, während ein Anderer dazu onaniert. Auch sie wurde offensichtlich durch die Drogen in einen Dämmerzustand versetzt. Der Junge ist nicht in der Lage sich zu bewegen und schläft wieder ein. Als er zu sich kommt, sieht er das nackte Mädchen unter einer Decke liegen, zieht sich aus und begibt sich zu ihr. Als sie erwacht, spürt sie, was mit ihr in der Nacht geschah und fragt ihn, ob es mit ihm war. Er nickt und sie ist glücklich.

Eine gegensätzlichere Gefühlskette innerhalb einer in wenigen Minuten geschilderten Situation ist kaum vorstellbar. Die Vergewaltigungsszenerie trifft in ihrer dreckigen Unmittelbarkeit auf ein Bild der Vertrautheit. Der Junge übernimmt in einem Moment Verantwortung, als er sich, für Jeden nachvollziehbar, hätte entziehen können. Seine zurückhaltende Art, mit der er mit dem Mädchen in dieser Situation umgeht, lässt den Gedanken, er wollte davon profitieren, verwerflich erscheinen. Im Gegenteil vereint "Smáfuglar - Zwei Vögel" in diesem Moment die gleichzeitige Schönheit und die Schwäche eines Beginns, dessen Gefahren nicht abschätzbar sind. Selten hat ein Film in einem Augenblick Gewalt und Menschenverachtung in Glück umgewandelt, ohne dafür die üblichen Mechanismen von Schuld und Sühne zu bemühen.

So wenig Zeit der Film benötigt, die Phase der Adoleszents in ihrer charakterlichen Ambivalenz auf den Punkt zu bringen, so lange regt er danach zum Denken an (9/10).

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